|    HOME    |    KONTAKT    |    IMPRESSUM    |    DATENSCHUTZ    |
ZEIT & GEIST

DURCH BILDER können vor allem Kinder Trauer ausdrücken und bewältigen


EIN ORT DES LEBENS

Das Projekt HOSPIZ MACHT SCHULE führt Kinder und Jugendliche behutsam an die Themen Werden und Veregehen, Krankheit, Trauer, Tod und Trost heran.

Von Antje Jörg

Frage, die nicht nur uns Erwachsene interessiert, sondern auch viele Kinder und Jugendliche beschäftigt. Auch wenn niemand darauf eine eindeutige Antwort hat, so ist es für die Generation von morgen enorm wichtig, sich mit Sterben und Tod auseinanderzusetzen und die Sprachlosigkeit zu überwinden. Um sie mit dieser Thematik nicht allein zu lassen, wurde das Projekt "Hospiz macht Schule" im Jahr 2006 ins Leben gerufen.

Im geschütztem Rahmen erhalten Dritt- und Viertklässler die Möglichkeit, alle Fragen, die sie zum Thema Abschiednehmen und Lebensende bewegen, zu stellen und so gut wie möglich beantwortet zu bekommen. "Hospiz macht Schule" wird vom Bundesministerium für Familien gefördert und findet innerhalb einer Projektwoche an Grundschulen statt. An jedem der fünf Tage beschäftigen sich die Kinder mit einem eigenen Themenschwerpunkt, zum Beispiel Krankheit, Traurigsein und Trost. Dabei führen ehrenamtliche Mitarbeiter einer Hospizbewegung die Schüler ganz behutsam und altersgerecht an die Themen heran: mit Geschichten, Bilderbüchern und Filmausschnitten. Es entstehen Collagen und es werden Fantasiereisen und Meditationen unternommen. Am letzten Projekttag präsentieren die Kinder ihren Eltern die Ergebnisse der einzelnen Tage bei einem Abschlussfest.


EIN GEDICHT ÜBER DEN ABSCHIED
von Antje Jörg

Ich sehe Dich ganz genau und klar vor mir sitzen,
in der Küche auf der Bank –
gesundet vom kürzlichen noch so todbringenden Krank.
In Deinen Augen ein liebevolles Blitzen.

Uneingeschränkte, vollendete und andauernde Liebe.
Mehr denn je Deine blauen sanften Augen spiegelt sie.
So gab es jemals zuvor das wunderbar berauschende Gefühl nie.
Dein Abschied, Dein Tod empfinde ich gemein wie Diebe.
Ich sehe Dich in meinen sehnsüchtigsten Träumen.
Dein Sein meist zart – beinah zerbrechlich.
Meine Aufgabe: Ich trage und ich rette Dich.
Keine Anstrengung erlaube ich auch nur im Ansatz zu versäumen.

Alles nur um Dich endlich wiederzusehen.
Ewige Schuld für einen Moment des Aufschiebens.
Statt des Zeigen des bedingungslosen Liebens.
Warum nur mussten wir nur so voneinander gehen?

Kaum ein Tag ohne einen Gedanken an Dich.
Du warst mein Halt, warst immerzu mehr als nur Vorbild.
Dein Leben, mir auch heute noch als weisende Richtschnur gilt.
Dennoch, nach unseren Gesprächen sehne ich mich.

Der Verstand weiß, für jeden kommt die Zeit.
Manche streun die Hoffnung auf ein Wiedersehen.
Doch mein Realismus fragt, wie soll das gehen.
So denke ich auch heute: Ich war noch nicht bereit.

Bereit für unseren endgültigen Abschied.
Nie mehr kann ich kriechen unter Deine Decke.
Zu keinem Augenblick mehr bin ich Deine Necke.
Deswegen ich bisher fürchtend den Besuch Deiner letzten
Ruhestätte mied.

Nie sollst, darfst Du mich vollends verlassen.
Ich halte unsere Geschichten fest in meinem innersten Herzen –
egal wie sehr mich dabei Dein Verlust auch vermag zu schmerzen.
Nie sollen die Erinnerungen an Dich verblassen


Damit nicht nur Grundschüler von "Hospiz macht Schule" profitieren, bietet der Christophorus Hospiz Verein in München auch Jugendlichen ab der 7. Klasse in allgemeinbildenden und beruflichen Schulen an, an diesem außergewöhnlichen Projekt teilzunehmen. "Die Pubertät gehört zu den schwierigsten Phasen im Leben", sagt Projektleiterin Ulrike Wagner. "Kommt noch eine Begegnung mit Sterben und Tod dazu, kann die Belastung nahezu ins Unermessliche steigen und Jugendliche damit fast an ihre psychischen Grenzen bringen."

Das Gesprächsseminar der 36-jährigen Sozialpädagogin und Palliativfachkraft soll Schülern helfen, Trauer zuzulassen, Sterben und Tod zu akzeptieren. Nicht zuletzt, um auf Todesfälle vorbereitet zu sein. Auch in München sind es ehrenamtliche Hospizhelfer, die das Projekt durchführen. So entsteht mehr Nähe und Normalität in den Gesprächen – schließlich betreffen die Themen nicht nur die Experten und Fachkräfte, sondern uns alle.

Die Ehrenamtlichen berichten zunächst, warum sie sich überhaupt für das Ehrenamt entschieden haben. Anschließend beantworten sie Fragen, zum Beispiel wie sie sich selbst fühlen, wenn jemand stirbt. Den neugierigen und unbefangenen Schülern ist dabei vollkommen egal, ob die Frage zu nahe geht oder die Antwort schlimm sein könnte. "Aber auch Jugendliche malen für sich vorher ein viel zu düsteres Bild von den letzten Stunden in einem Sterbehaus", sagt Projektleiterin Ulrike Wagner. "Doch ein Besuch in unserem Hospiz zeigt ihnen eine solche Stätte als ungeahnten Ort des Lebens."

Entscheiden sich Schulklassen für einen Besuch im Hospiz, werden sie von Ulrike Wagner begleitet. "Wenn die Schüler das Haus betreten, sehe ich das Erstaunen und ein Fünkchen von der Heidenangst der Erwachsenen auf ihren Gesichtern. Erstaunen, weil unser Haus so hell und freundlich ist. Das Aufblitzen von Angst, weil sie hier auf fremden Terrain sind. Da braucht es eine etwas längere Phase zum Warmwerden, sich Öffnen und Entspannen, um letztendlich Neugier zuzulassen."

Lehrer sind begeistert von ihrer lockeren Art. "Ich fand es beeindruckend, wie sie die Schüler sprichwörtlich an die Hand nahm", so Anne Stehker, Lehrerin an einer Münchner Gesamtschule. "Sie erzählte auch, wie sie zum Hospiz kam und welche Bedenken sie vorher hatte. Die Mischung aus persönlichen Einblicken, erstaunlichen Anekdoten aus dem Hospizalltag und dem Vermitteln der Idee lösen beklemmende Gefühle in kürzester Zeit."

Beim Spaziergang durch Haus und Garten verfestigt sich der Eindruck bei den Schülern: Sie sind an einem sonnigen Ort. An dem es je nach Blickwinkel natürlich auch Schatten gibt. Ein für Schüler immer wieder besonderes Aha-Erlebnis: Der Genuss steht im Hospiz im Mittelpunkt. "Essen, Trinken und Rauchen, alles ist erlaubt", erklärt Ulrike Wagner. Denn jeder verdient, die letzten Stunden ganz nach seinem Gusto zu leben. Darum fehlt auch jeglicher Anschein eines Krankenhauses. Räume für Musik und Fernsehen oder zum Baden schaffen einen Wohlfühlort. Keine sterilen Möbel oder medizinischen Instrumente, keine autoritäre Kleidung der Pfleger.

Die Reaktion der Eltern auf das Projekt ist durchweg positiv. Auch, weil die Hospizhelfer sensibel vorgehen und niemals Grenzen überschreiten. Und sie finden dort Worte, wo sie einem selbst fehlen. "Ich war so beschäftigt mit dem Verlust meines Vaters. Ich konnte meiner Tochter kaum durch die Trauer helfen", gesteht eine Mutter. Ihr Wunsch: Das Projekt muss noch mehr Kinder erreichen.

15 Schulen nahmen 2013 das Angebot des Christophorus Hospiz Vereins an, das sich lediglich durch Mundpropaganda verbreitet. Um die steigende Nachfrage zu bedienen, werden jedoch Sponsoren benötigt. Nur durch sie kann gewährleistet werden, dass Kinder und Jugendliche weiterhin mit dem Hospiz – einem ungeahnten Ort des Lebens – in Berührung kommen. Weitere Informationen: www.hospizmachtschule.de sowie www.chv.org

|    Zurück    |    Home    |    Kontakt    |    Impressum    |


  


AUSGABE 03.2013

 
 

INHALT

 
   ZEIT & GEIST  
     EIN ORT DES LEBENS  
   TRAUERKULTUR  
     KEINE ANGST VORM KONDOLIEREN  
   GESICHTER UND GESCHICHTEN  
     DER VOLLBLUT-JOURNALIST  
   GESUNDHEIT & FITNESS  
     DIE KRAFT DER FARBEN  
   FREIZEIT & REISEN  
     ZU GAST IN DER KÜNSTLERKOLONIE  
       EDITORIAL  
     LABYRINTH FRIEDHOFSGEBÜHREN  
   FORUM  
     DEUTSCHLANDS BESTES GRABMAL ...  
   AUS DER BERATUNG  
     HILFE FÜR MITGLIEDER

 

 
   GUT INFORMIERT  
     GUTE SEITEN
 
 
 
 

ARCHIVE

 
 
04.2018
03.2018
02.2018
01.2018
04.2017
03.2017
02.2017
01.2017
04.2016
03.2016
02.2016
01.2016
04.2015
03.2015
02.2015
01.2015
04.2014
03.2014
02.2014
01.2014
04.2013
03.2013
02.2013
01.2013
04.2012
03.2012
02.2012
01.2012