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TRAUERKULTUR

Foto: Aeternitas e.V.


TRAUER ERFINDET SICH NEU

Diamanten, Popmusik und QR-Codes als Zeichen der individuellen und zeitgemäßen Trauer? Die Kultur unserer Trauer verändert sich - der Individualität der Verstorbenen zuliebe

Von Antje Jörg

Links eine Eisenbahn mit Bahnhof und ein paar Gleisen. Eingebettet in eine Landschaft, wie aus Hobbykellern bekannt. Rechts eine kleine Puppenwiege. Ein Anblick, der an eine Spielzeugabteilung in einem Kaufhaus erinnert. Und genau darum geht es hier – um das Erinnern. Denn diese Szenen kennzeichnen Gräber auf einem Friedhof: dem Friedhof Riem in München. Auch auf anderen Friedhöfen ist so etwas mittlerweile Realität. Was dem einen pietätlos vorkommt, ist für andere die einzig richtige Art, mit ihrer Trauer umzugehen. Denn Trauer ist individuell. Dabei dürfen sowohl Innovation als auch Tradition ihren Raum bekommen. So auch auf dem Friedhof Riem: Zwischen den beschriebenen Gräbern liegt ein Grab mit schlichtem Stein, klaren Schriften, durchdacht eingesetzten Symbolen und schönen Pflanzen. Eines, das früher "normal" war.

Auch vor der Trauerkultur macht der soziale Wandel nicht Halt. Noch nie: Die ersten Fotos oder Berufsbezeichnungen auf den Grabsteinen galten vor langer Zeit als pietätlos. Heute stehen auf Grabsteinen nur noch selten Berufe. Der Grund ist einleuchtend: Die Berufsbiografien sind immer vielfältiger. Immer weniger Menschen identifizieren sich nur über ihren Beruf. Deshalb suchen die Hinterbliebenen nach anderen individuellen Merkmalen bei Verstorbenen. Es heißt: Im Tod sind alle Menschen gleich. Doch der Umgang mit dem Tod ist nicht der gleiche. Das zeigen sowohl die Grabgestaltung als auch die Rituale rund um den Tod. Viele Menschen wünschen sich für ihre Bestattung etwas Besonderes. Bergbestattungen in den Schweizer Alpen, Bestattungen auf hoher See oder von einem Heißluftballon zeigen: Die Trauerkultur befindet sich im Wandel.

Grabstein mit Link
Friedhofsforscher Thorsten Benkel weiß: "Unsere Gesellschaft stellt in allen Lebensbereichen den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Genau daran passt sich die Trauerkultur an. Wir glauben überwiegend nicht mehr an Gott oder an das Jenseits. Aber wir glauben, dass das Leben einen Sinn hat. Wir finden diesen Sinn in einem Hobby, einer Leidenschaft, dem Partner oder in einer politischen Einstellung. Was zählt ist das, was das Leben des Einzelnen einzigartig gemacht hat. Und deshalb wird Trauer immer differenzierter und individueller." Schon lange sind das monumentale Familien- oder das Einzelgrab in Reih und Glied nicht mehr das Maß der Dinge. So wie der Mensch unverwechselbar gewesen ist, soll es auch das Grab sein. Wo die klassische Friedhofssatzung Spielraum verwehrt, macht auch in der Trauerkultur das Internet wieder vieles möglich. So ist der Kölner Steinmetz Andreas Rosenkranz Experte und Pionier, wenn es um Grabsteine mit QR-Codes geht. Egal, ob Trauernde aus dem engsten Kreis, Freunde, Bekannte oder Fremde, durch den Code landen sie direkt auf der Facebook-Seite oder der privaten Webseite des Verstorbenen mit Fotos, Texten und seiner Lieblingsmusik. Für viele ist das eine zeitgemäße Art, ihre Trauer umfänglich Ausdruck zu verleihen – für den einen oder anderen aber auch ein neugieriger Blick in das Leben anderer.

Von Erd- zu Feuerbestattungen
Ein weiterer Trend zeigt: Erdbestattungen mit großen Grabsteinen entwickeln sich zum Auslaufmodell im Trauergeschäft – nicht nur weil Urnenbestattungen günstiger sind. Etwa 60 Prozent der Deutschen lassen sich heute verbrennen. Das Einäschern eröffnet den Weg zu Ausgefallenerem. Die heute gängigen Naturbestattungen, allen voran die 2001 eingeführte Baumbestattung (erster deutscher Friedwald bei Kassel), bezeichnen einen Meilenstein im Wandel der Bestattungskultur: Die Ruhestätten unter Bäumen waren und sind so beliebt, das sich die Bestattungsgesetze der Länder nach und nach beugten. Jede zehnte Urne wird heute unter einem Baum bestattet. In Oberbayern lag der Anteil an Feuerbestattungen vor 20 Jahren noch bei 16 Prozent. Heute sind es 30 Prozent. Diese Zahlen belegen, wie rasant sich die Friedhofs- und Bestattungskultur selbst im traditionsfesten Oberbayern verändert hat. Wie jede Veränderung ruft auch dies Gegenstimmen hervor – wie etwa beim Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. Zu oft werde vergessen, dass Friedhöfe auch Kulturgut sind, Orte der Stille und Erholung. Der Verzicht auf immer mehr Regeln der herkömmlichen Friedhofs- und Bestattungskultur könne eine kulturelle Lücke hinterlassen, so die Befürchtung.

Fantasievolle Trauer
Mehr Feuerbestattungen eröffnen automatisch auch den Markt der Erinnerungsstücke. Vor einigen Jahren riefen die Schweizer eine völlig neue Bestattungsart ins Leben: "Asche-Diamanten". Mittlerweile stellen verschiedene Anbieter aus der Asche der Verstorbenen solche Stücke her. Allein in Deutschland zählen bereits mehr als 2.500 Institute zu den Partnern des ursprünglichen Schweizer Unternehmens. Letztendlich entstehen Schmuckstücke, die die Experten zum Beispiel in einen Ehering oder in eine Kette einarbeiten.

Alle Zeichen stehen mittlerweile auf individueller Trauer – dem Blick auf die Persönlichkeit des Verstorbenen mit all ihren Interessen, Ambitionen und Hinterlassenschaften.
"Je ungleicher eine Gesellschaft ist und je riskanter das Leben und die sozialen Sicherungssysteme sind, umso stolzer ist man auf das, was man selbst geschaffen hat", erklärte der Friedhofsforscher Benkel. Die Beteiligten können inzwischen viel fantasievoller mit dem Tod umgehen. Egal, ob kleine persönliche Bilder auf Grabsteinen oder der Transport mit einem Motorradkorso bis zur Grabstätte – die Ideen und Angebote sind vielfältig. Der Individualität ist kaum eine Grenze gesetzt. Manchmal geht es sogar bis ins Weltall, jedenfalls für den, dessen Angehörige 25.000 Euro investieren.

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AUSGABE 01.2016

 
 

INHALT

 
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     VOM WERT DES ALTERS  
   TRAUERKULTUR  
     TRAUER ERFINDET SICH NEU  
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