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ZEIT & GEIST

Foto: Rudolpho Duba | Copyright-Lizenz: pixelio.de


VOM WERT DES ALTERS

Wir alle werden älter, doch erstrebenswert findet diese Tatsache kaum jemand. Ob die Gesellschaft das Potenzial des Alter(n)s erkennt, hängt in weitem Maße von uns selbst ab

Von Jane Kähler

Das Alter macht uns offen dafür, dass das, was uns heute so wichtig erscheint, morgen nur noch von relativem Wert sein kann", sagt Medizinethiker Professor Dr. Giovanni Maio, "der alte Mensch hat uns viel zu sagen, wir müssen nur bereit sein, ihm eine Stimme zu geben." Wir alle haben so unsere Probleme mit dem Altern. Dabei beginnt es schon direkt nach der Geburt. Mit jeder gelebten Minute, jedem Tag, jedem Monat nähern uns mehr und mehr der Lebensphase, die unsere Gesellschaft immer noch nicht als wichtigen und wertvollen Teil des Lebens anerkennt. Die Erkenntnis, dass man auch selber altert und einen eigenen Weg darin finden muss, trifft uns hart. Es geht dabei meist um die sogenannte 4. Lebensphase. Diese folgt auf die 3. Lebensphase, mit welcher Altersforscher die Zeit nach der Erwerbstätigkeit bezeichnen. Dann ist der Mensch meist noch fit und rüstig, finanziell und zeitlich unabhängig. Die Zeit danach, meist jenseits der 80, aber macht vielen Menschen Angst, bedeutet für sie etwa einen unausweichlichen körperlichen und geistigen Verfall oder soziale Isolation. 90. oder gar 100.Geburtstage werden sich in Zukunft mehren, glaubt man den Prognosen zum demographischen Wandel. Im Jahr 2060 soll jeder siebte Deutsche 80 Jahre oder älter sein. Heutige Neugeborene werden mit großer Wahrscheinlichkeit hundert Jahre alt. Höchste Zeit also, das Altern und Alter neu zu bewerten! Denn das heutige 80 oder 90 ist nicht das 80 oder 90 der Zukunft: Während Menschen heute im Durchschnitt 63 Prozent ihrer Lebenszeit ohne Hilfe auskommen, werden es 2050 laut einer Studie schon 80 Prozent sein. Aufgrund immer besserer medizinischer Versorgung und gesunder Lebensweise gewinnen wir produktive Lebenszeit dazu – wir bleiben länger fit.

INTERVIEW

Michael Bünte, Geschäftsführer des entwicklungspolitischen Vereins HelpAge Deutschland e.V.
Der Verein fördert die Rechte älterer Menschen, nimmt Einfluss auf die Alten- und Entwicklungspolitik der Regierung und der Europäischen Union und betreut auch entsprechende Projekte in Entwicklungsländern.

Welchen Wert hat Alter(n) in unserer Gesellschaft?
Die Wertschätzung für das Alter und die Älteren ist sehr widersprüchlich. Wir empfinden die Entwicklungen in Entwicklungsländern ähnlich wie die in Deutschland. Einerseits wird das Wissen der Älteren nicht mehr für so wichtig gehalten angesichts schneller technischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Auf der anderen Seite nimmt die Bedeutung der Älteren im sozialen Netz immer mehr zu. Ohne die Großmütter würden viele Aids-Waisen in Afrika nicht überleben und ohne die (Leih-)Großeltern hätten in Deutschland viele Familien Probleme. Gleichzeitig wird immer häufiger die sogenannte Generationengerechtigkeit bemüht, um damit Ausgaben für heutige ältere Menschen gegen Ausgaben für zukünftige Generationen auszuspielen. Nicht bedacht wird dabei aber, dass etwa ein funktionierendes Rentensystem, das Menschen nicht in die Altersarmut schickt, auch für die Jüngeren von heute eine wichtige Errungenschaft ist.

Was wird der demographische Wandel bringen?
Nicht nur Deutschland wird älter. 2050 werden 80 Prozent der Älteren in den Entwicklungs- und Schwellenländern leben, etwa 2 Milliarden Menschen. Positiv gesehen bedeutet das, dass die Lebenserwartung auch in armen Ländern deutlich steigt. Es bedeutet aber auch, dass in den Bereichen der Alterssicherung und Renten, der Gesundheitsversorgung und Pflege, des Arbeitsmarktes, der Stadtentwicklung, des Verkehrs und vielen anderen große Herausforderungen entstehen. Die Industrieländer wurden erst reich und dann alt, während in den Entwicklungsländern heute die wirtschaftlichen Voraussetzungen sehr viel schwieriger sind, um Lösungen zu entwickeln. Es müssen neue Formen gegenseitiger Hilfe über die Familie hinaus gefunden werden.

Welche Gesellschaft kann uns ein Vorbild sein?
Die aktuellen Prozesse sind sehr widersprüchlich. In vielen Ländern, von denen wir bisher glaubten, sie hätten ein sehr harmonisches Zusammenleben von Älteren und Jüngeren, sehen wir einen starken Trend in die andere Richtung. Aus Indien wird berichtet, dass Missbrauch und Gewalt gegen Ältere zunehmen. HelpAge fördert z.B. Projekte in Peru, in denen das Wissen der Älteren sehr bewusst aufgewertet und die Weitergabe ihrer Erfahrungen an die jüngere Generation gefördert wird. Es ist wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass eine Gesellschaft sich nicht entwickeln kann, wenn sie den Blick in ihre Vergangenheit verweigert.

Aber verändert das auch unseren Grad an Wertschätzung für das Alter? "Alt werden" oder "Alt sein", das ist in unserer modernen Gesellschaft immer noch nichts, womit man sich brüstet. Der Markt um Anti-Aging-Produkte und -Angebote boomt. Doch der Wert des Alter(n)s wird nicht nur in ästhetischer Hinsicht unterschätzt, auch die Erfahrung und Weisheit älterer Menschen und deren potenzieller gesellschaftlicher "Brauchbarkeit" wird nicht ausreichend genutzt. Alter wird oft mit negativen Stereotypen assoziiert: mit mangelnder Leistungsfähigkeit oder sinkender Produktivität statt reichem Erfahrungsschatz und Kompetenzen. Gibt es noch Gesellschaften, in denen den "Alten" und dem "Altern" mit Wertschätzung begegnet wird? Eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung zum Thema "Altersbilder in anderen Kulturen" zeigte: Im Zuge der Globalisierungbietet sich eher ein homogenes, global gültiges Bild des Alters. In allen untersuchten Ländern (darunter Japan, Brasilien, Frankreich, USA) "werden mit Alter sowohl Gewinne als auch Verluste, sowohl Stärken als auch Schwächen, sowohl Potenziale als auch Belastungen für die Gesellschaft assoziiert". Es gibt kein Land, in dem eine durchweg positive Sicht des Alters vorherrsche. Auch in afrikanischen oder islamischen Staaten, wo auch heute noch die Großeltern-Generation in den meisten Fällen bei den Kindern und Kindeskindern lebt, ändert sich das Bild. Bis in die 60er-Jahre gab es in der Türkei keine Altenheime, bis Anfang der Neunzigerjahre waren sie sehr rar. Heute werden mehr und mehr gegründet. Professorin Sabine Prätor, die den Umgang mit dem Altern in der Türkei erforscht, spricht von einem Trend zu professioneller Altenpflege.

Altern im Wandel
In Tansania waren die "Alten", die "Wazees", aufgrund ihrer Weisheit und Erfahrung hoch angesehen und entschieden oft in letzter Instanz in Fragen der Erziehung, Bildung und Finanzen. Heute wird ihr Rat durch die formale Form der Bildung und die modernen Kommunikationsmitteln ersetzt. Hinzu kommt, dass viele Vertreter der Großelterngeneration ihre Kinder oder Enkel durch Krankheit verloren haben und damit auch ihre Alterssicherung. Die Robert-Bosch-Studie zeigte auch: weniger vom jeweiligen Kulturkreis, sondern eher von der sozialen Schicht und der individuellen Geschichte des Betrachters hängt die Wahrnehmung des Alters ab. "Im Falle geringer finanzieller Ressourcen wie auch im Falle eines geringen Bildungsstandes werden Altern und Alter häufiger mit negativen Attributen belegt", so die Studie.

Alter als Ansichtssache
Ebenso wichtig für die Wahrnehmung des Alters seien individuelle Erfahrungen in der eigenen Familie. Denn was heißt eigentlich "alt"? "Im Profi-Fußball ist man ab 35 alt, in der Politik kommen viele ab 50 erst in ihre besten Jahre", sagt Clemens Tesch-Römer vom Deutschen Zentrum für Altersfragen, "Wenn man in Umfragen von den Menschen wissen will, ab wann für sie jemand alt ist, sagen ie meisten: mit Ende 70. In der Altersforschung geht es häufig um Menschen über 65." Alter ist offenbar Ansichtssache. Dass es ein positives Bild ergibt, hängt von der eigenen Einstellung und Handlung ab. "Menschen mit einem negativen Altersbild sind im Verlauf ihres Lebens weniger körperlich aktiv und kränker als Menschen mit einem positiven Altersbild", so Tesch-Römer. Immerhin: Viele Länder haben im demographischen Wandel nicht nur dringenden Diskussions-Bedarf über Themen wie längere Berufstätigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und Pflege erkannt, sondern arbeiten auch daran, immer mehr Potenziale des Alters auszumachen und zu nutzen. Bildungsangebote zum lebenslangen Lernen gehören dazu, neue Arbeitsmodelle von Seiten der Wirtschaft sowie ein ausgefeiltes Gesundheitssystem und Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe – wie das Ehrenamt. "Es hat sich gezeigt, dass negative Altersstereotype sehr viel mächtiger sind als positive, und eben leider auch sehr viel einfacher und schneller auszulösen sind", sagt Altersforscher Professor Dr. Hans-Werner Wahl, "es müssen gesellschaftlich neue Bilder des Älterwerdens kreiert und systematisch verfolgt werden, dann gibt es langfristig gewisse Chancen, dass sich das negative Altersstereotyp stärker differenziert."


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AUSGABE 01.2016

 
 

INHALT

 
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