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ZEIT & GEIST

Foto: emcanicepic | Copyright-Lizenz: CC0 Creative Commons


MOBILITÄT IM ALTER

Ältere Verkehrsteilnehmer haben besondere Bedürfnisse und fordern die Verkehrsplanung und die Automobilindustrie heraus.

Von Jane Kähler

Mit 75 Jahren gab Johanna Leibl ihren Führerschein ab. "Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr sehr reaktionsschnell bin", erzählt sie, "ich kann im Dunkeln immer schlechter sehen und hatte mittlerweile große Sorge, ins Auto zu steigen." Die Entscheidung, ganz auf das Auto zu verzichten, fiel der Frankfurterin dennoch sehr schwer: "Ich war jahrzehntelang selbstständig mobil mit dem Wagen, und darauf zu verzichten, ist eine große und unbequeme Umstellung", sagt Johanna Leibl. Doch zugunsten ihrer eigenen Sicherheit und der der anderen Verkehrsteilnehmer wird sie in Zukunft Bus und Bahn fahren. "Hier in der Großstadt habe ich beste Bedingungen, fast immer fährt ein Bus oder eine Bahn. Aber ich wüsste nicht, wie ich entschieden hätte, wenn ich auf dem Land leben würde ...", sagt die Seniorin.

Mobilität im Alter ist auch für die Politik ein wichtiges Thema - denn die Gesellschaft wird immer älter, und Senioren möchten ihre Mobilität so lange wie möglich erhalten. "Die Mobilitätsthematik beeinflusst die Identität, das Selbstwertgefühl und die Selbständigkeit des älteren Menschen, aber auch seine soziale Partizipation und seine gesellschaftliche Integration", heißt es in einer Studie. "Der Stellenwert von Mobilität im Vergleich zu anderen Lebensbereichen ist für Erwachsene insgesamt sehr hoch und wird an vierter Stelle hinter Familie, Wohnen, Freunde/ Bekannte genannt." Die Mobilität betrifft dabei neben dem Autofahren viele andere Bereiche wie den öffentlichen Nah- und Fernverkehr, Fahrrad- und Fußwegesysteme. Laut ADAC wird es 2050 mehr als acht Millionen Deutsche geben, die über 80 Jahre alt sind, diese werden mehr Auto fahren als jede Generation vor ihnen.

Die Gruppe 60-plus rückt daher auch in den Fokus der Unfallforscher, Verkehrsplaner und Automobilbauer. Denn während der Wunsch nach individueller Mobilität bleibt, nimmt die körperliche Verfassung ab. Das Unfallrisiko steigt bei über 75-jährigen Fahrern stark an. Prophylaxe können etwa Fahrtests für ältere Autofahrer bieten – wie etwa in den Niederlanden, Spanien oder Italien praktiziert. Fahreignungs-Tests für Senioren werden seit Jahren in Deutschland angeboten, sind aber freiwillig, da der Führerschein auf Lebenszeit erteilt wird. Tatsächlich ist Altern auch ein subjektiver Prozess, und oft ist nicht nur das Geburtsdatum, sondern auch die persönliche Fitness ausschlaggebend für die Verkehrstüchtigkeit eines Menschen. Dass der Altersprozess langfristig die Verkehrstüchtigkeit herabsetzt, ist aber leider eine Tatsache. Die allgemeine Motorik verlangsamt sich, und die Reaktionszeit wird länger. Beim Autofahren werden 80 bis 90 Prozent der Informationen durch das Auge wahrgenommen, dabei braucht ein 60-jähriger Autofahrer bei Dunkelheit aber etwa achtmal so viel Licht wie ein 20-jähriger. Zudem nimmt die Blendempfindlichkeit zu. Einschränkungen gibt es etwa auch beim Gehör. Vor diesem Hintergrund sind Verkehrspolitik und -planung gefordert, aber auch die Automobilindustrie: Fast 60 Prozent aller Neuwagenkäufe werden von Kunden über 50 Jahren getätigt. Die „Master Consumer“ bestimmen damit viele Neuentwicklungen in der Automobilindustrie – vor allem in punkto Komfort, Bedienung, Sicherheit und Übersicht. Alle führenden Automobilhersteller arbeiten an der schrittweisen Einführung des automatisierten Fahrens: Assistenzsysteme wie Verkehrsschilderkennung, Notbremsfunktion, Spurhalte- und Einparkassistenz sind auf dem Vormarsch. Große Bodenfreiheit, erhöhte Sitzposition und luftige Raumhöhe sind Charakteristika des seniorengerechten Autos. Aber auch Fußgänger, Rad-, Bus- und Bahnfahrer werden älter und beanspruchen seniorengerechten Verkehr. Dafür sind etwa folgende Maßnahmen sinnvoll: lückenlose Fahrrad- und Gehwege, besondere Beleuchtung an Übergängen, Geschwindigkeitsreduktion. Automatische Systeme ermöglichen etwa die Erfassung wartender Fußgänger oder eine automatische Verlängerung von Übergangszeiten. Busse und Bahnen werden durch eine häufigere Taktung, Niederflurbusse, ausreichend Sitzplätze, sichere und gut beleuchtete Haltestellen und Bahnhöfe oder Angebote wie ein preisgünstiges Senioren- Ticket attraktiver. Wer auf das Fahrrad umsteigt, sollte nach langer Auszeit ein Sicherheitstraining machen und in jedem Fall einen Helm tragen. Auch ein Gesundheits- Check beim Arzt zu Belastung, Seh- und Gehörfähigkeit kann hilfreich sein. Senioren sollten über die Leistungseinbußen im Alter und auch den Einfluss von Medikamenten im Straßenverkehr aufgeklärt werden. Generell gilt: Lieber einmal mehr Fahrradfahren und zu Fuß gehen, denn das ist der beste Weg, um fit und mobil zu bleiben!


FORSCHUNG FÜR SENIORENGERECHTEN VERKEHR

Interview mit Prof. Dr. Maria Limbourg, eremitierte Professorin der Fakultät für Bildungswissenschaften an der Universität Duisburg- Essen. Ihr Schwerpunkt sind unter anderem Mobilitäts-, Verkehrs- und Sicherheitserziehung, Unfallprävention sowie Sicherheits-, Mobilitätsund Verkehrspsychologie

Wie kann der öffentliche Personennahverkehr Senioren besser ansprechen?
Damit ältere Personen den öffentlichen Verkehr als eine echte Alternative zum Autofahren betrachten können, muss er "seniorengerechter" gestaltet werden. Außerdem muss der ÖPNV – besonders in den Abendstunden – ausreichend Sicherheit vor Übergriffen bieten. Einige Städte und Gemeinden bieten inzwischen Bus- und Bahn-Schulen für ältere Menschen an, oft in Form von "Kaffee-Fahrten". Hilfreich sind auch Fahrgastbetreuer im öffentlichen Verkehr. Eine weitere Möglichkeit ist die Platzierung von Informationen zum öffentlichen Verkehr in Fernsehserien, die von älteren Menschen gerne gesehen werden.

Wie "gefährlich" ist das Radfahren für Senioren?
Ältere Menschen sind als Radfahrer im Straßenverkehr stärker gefährdet als jüngere Verkehrsteilnehmer. Sie verstoßen zwar seltener als Jüngere gegen Verkehrsregeln, sind aber häufiger Opfer von Verstößen von Autofahrern. Folgende Maßnahmen können präventiv wirken:
  • Sicherer Radverkehr (z.B. Fahrradstraßen, breite Radwege, Ampeln für Radwege usw.).
  • Geschwindigkeits-Überwachung des Autoverkehrs
  • Verkehrssicherheitstraining für ältere Radfahrer
  • Nutzung eines Schutzhelms
  • Aufklärung von Autofahrern über die Besonderheiten älterer Menschen als Radfahrer

Was kann die Verkehrsplanung für eine seniorengerechte Mobilität tun?
Etwa die Verlangsamung und Vereinfachung des Straßenverkehrs: Bei geringeren Geschwindigkeiten des Autoverkehrs haben ältere Menschen mehr Zeit, eine Verkehrssituation zu erfassen und angemessen zu reagieren. Ähnliches gilt für die Komplexität von Verkehrssituationen: Je einfacher und überschaubarer Verkehrssituationen sind, desto leichter sind sie auch von älteren Verkehrsteilnehmern zu bewältigen. Tempo 30 ist für das Leistungstempo von älteren Menschen eine angemessene Geschwindigkeit.

Wie können Senioren möglichst lange mobil bleiben?
Wer rastet, der rostet – diese Maxime gilt besonders im höheren Lebensalter. Ältere Verkehrsteilnehmer sollten regelmäßig mobil sein, damit die Mobilitätskompetenzen nicht verloren gehen. Das gilt sowohl für das Auto- als auch für das Radfahren, das Zu-Fuß-Gehen und das Bus- und Bahn-Fahren. Körperliche und geistige Fitness sind dabei sehr hilfreich, und eine gesunde Lebensführung leistet auch einen wichtigen Beitrag. Regelmäßige medizinische Untersuchungen sind erforderlich, um Unfallgefahren aufgrund von Krankheiten zu erkennen. Und eine gelegentliche Probefahrt mit einem Fahrschullehrer sollte für ältere Autofahrer eine Selbstverständlichkeit werden.

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AUSGABE 01.2018

 
 

INHALT

 
   ZEIT & GEIST  
     MOBILITÄT IM ALTER  
   TRAUERKULTUR  
     WIE MÄNNER TRAUERN  
   GESICHTER UND GESCHICHTEN  
     BEWEGTES LEBEN  
   GESUNDHEIT & FITNESS  
     DIE KRAFT DER LANGSAMKEIT  
   FREIZEIT & REISEN  
     MALLORCA-SCHÖNHEITEN  
       EDITORIAL  
     KREMATORIEN: STRENGE VORSCHRIFTEN FÜR EMISSIONEN  
   FORUM  
     AETERNITAS INFORMIERT  
   AUS DER BERATUNG  
     HILFE FÜR MITGLIEDER

 
 
 

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