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TRAUERKULTUR

Foto: pixabay.com/wunderela | Copyright-Lizenz: CC0 Creative Commons


"WENN IHR WÜSSTET!"

Zwischen Leben, Tod und Weiterleben: Eine Sterbeamme erzählt von ihrer Tätigkeit als Begleiterin.

Von Jane Kähler

Eine Hebamme hilft ins Leben hinein, eine Sterbeamme hilft aus dem Leben heraus", erklärt Sterbeamme Angela Dartmann ihren Beruf. Überhaupt gäbe es viele Parallelen zwischen der Amme am Anfang und der Amme am Ende eines Menschenlebens. "Die Hebamme bereitet die Familie auf ein Leben mit einem neuen Angehörigen vor, die Sterbeamme bereitet auf ein Leben ohne den Angehörigen vor." Denn wenn ein Mensch geht, ändert sich für alle Beteiligten alles, ebenso wie wenn ein Mensch geboren wird. Je nach Bedarf kann die Sterbeamme Sterbende und/oder deren/dessen Angehörige im gesamten Sterbeprozess begleiten - von etwa einer Krankheitsdiagnose über den Tod eines Menschen bis hin zur seelischen und auch organisatorischen "Nachsorge" der Angehörigen. "Ich versuche, den größtmöglichen Frieden für alle Beteiligten zu schaffen", erzählt Angela Dartmann, "wie bei einer Geburt ist auch jeder Sterbeprozess anders - in Intensität, Dauer oder Emotionalität. Die Betroffenen sind die Experten, ich kann fragen und dann individuell begleiten."

Die Sterbeamme hat immer ihr "Köfferchen" dabei, wenn sie Sterbende besucht. Musik, Gerüche, Bilder, Literatur, Lieder, es gibt so vieles, womit die Amme die Menschen auf der letzten Reise begleiten und unterstützen kann. Die Sterbeamme deutet Regungen, spricht mit den Sterbenden oder Angehörigen darüber, was jetzt noch wichtig wäre. Koma-Patienten erinnert sie an das Leben, was für sie bedeutsam war und vielleicht auch daran, dass es in Ordnung ist zu gehen.

Zentral im Sterbeprozess eines Menschen sind die Angehörigen. "Während die Sterbenden meist erstaunlich ruhig sind, ist die Familie oft verzweifelt, und der Tod erscheint als etwas sehr Bedrohliches", erzählt Angela Dartmann. "Dabei sind wir doch alle Sterbende", sagt die Sterbeamme, "warum ist die Geburt etwas Schönes, der Tod fast immer etwas Schreckliches? Der Tod selbst ist nur ein letztes Ausatmen, wie es bei der Geburt der erste Atemzug ist."

Entsprechend oft findet man auch die Begrifflichkeit der "Lebensamme". "Ich helfe dabei, dass Angehörige wieder ins Leben zurück finden, ohne dabei den Kontakt zu den Verstorbenen zu verlieren", erzählt Angela Dartmann. Gerade die Zeit nach dem Tod eines Menschen sei eine wichtige Phase des Sterbeprozesses. Wenn die Gesellschaft nach der Beerdigung mit dem Tod abgeschlossen hat, beginnt oftmals erst die Arbeit der Sterbeamme.

Angela Dartmann leitet in Hamburg auch eine Trauergruppe. Hier bleibt die berühmte Frage "Was würde sich der/die Verstorbene für Sie wünschen?" keine rhetorische Frage. Die klare Antwort "Dass ich glücklich bin!", wird mit Leben gefüllt. "Wenn jemand am offenen Fenster unserer Gruppe vorbeigeht, würde niemand denken, dass dort eine Trauergruppe tagt. Es wird geweint und auch viel gelacht", sagt Angela Dartmann. Auch Sterbephänomene spielen eine große Rolle in den Gesprächen der Trauernden. Wo bleibt der/die Verstorbene nach dem Tod?, ist eine zentrale Frage. Kaum jemand in der Trauergruppe ist dabei, der nicht von Begegnungen in Träumen, Klängen, Gerüchen oder optischen Wahrnehmungen zu berichten weiß. "Das ist ungeheuer tröstlich", sagt die Sterbeamme, "spirituell ist der Verstorbene immer da."

Macht die ständige Beschäftigung mit der Endlichkeit, mit der Trauer von Menschen nicht selber traurig? Angela Dartmanns Leben gibt ihre Tätigkeit sogar mehr Gehalt, Sinn und Freude. Sie nennt es "heilige Momente", wenn sie Trauernden zurück ins Leben oder einen Sterbenden hinüber begleiten darf. Es sei ein Geschenk, die Gesten und Worte Sterbender mitbekommen zu dürfen. "Wie Botschaften aus einer anderen Welt", sagt die Sterbeamme und erzählt von einem ihrer schönsten Momente. Ein alter Herr habe - während große Aufregung und Verzweiflung um ihn war - die Augen geöffnet, strahlend gelächelt und "Wenn ihr wüsstet!" gerufen.

Etwa 400 zertifizierte Sterbeammen gibt es mittlerweile in Deutschland und verschiedene Ausbildungswege. Die Lehrgänge vermitteln Spiritualität, Psychologie, kulturelle Rituale, aber auch organisatorisches und medizinisches Wissen rund um den Tod. Ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen bleibt immer die Grundvoraussetzung. Die meisten Ammen arbeiten auch als Heilpraktiker, Bestatter oder Pflegekräfte. Anders als die Arbeit der Hebammen zahlen die Krankenkassen die Arbeit der Sterbeammen (noch) nicht. "Durch die Arbeit von Sterbeammen und Sterbegefährten wird ein fehlendes Bindeglied in der Arbeit im Abschiedsprozess ergänzt: die Hürden und Probleme im Abschiedsprozess werden medikamentenfrei versorgt und verwandelt. Für diese Themen klafft in unserer heutigen Gesellschaft eine große Lücke", heißt es beim Verein Sterbeheilkunde e.V. Kontakt: www.sterbeheilkunde.de, www.sterbeamme.eu, www.naturheilkunde-dartmann.de



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AUSGABE 03.2018

 
 

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