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ZEIT & GEIST

Foto: pixabay/truthseeker08 | Copyright-Lizenz: CC0 Creative Commons


MIT EHREN IM AMT

Wenn Menschen ihre Zeit spenden, geben sie nicht nur sich und anderen viel. Ohne das Ehrenamt würde Gesellschaft nicht mehr funktionieren.

Von Jane Kähler

Mit 70 Jahren geht Renate Schindler noch jeden Tag zur Schule. Sie unterstützt die Grundschule in ihrer Straße in der Ganztagsbetreuung. "Als meine Enkelin auf der Schule war, gab es Engpässe in der Betreuung, und ich habe ausgeholfen. Das ist mittlerweile fünf Jahre her", erzählt die Rentnerin. Wenn der reguläre Schulunterricht vorbei ist, macht Renate Schindler Hausaufgaben mit den Kindern, bastelt mit ihnen oder geht mit ihnen auf den Spielplatz. "Es hält mich jung, mit den Kindern zusammen zu sein, ich habe feste Strukturen und das Gefühl, gebraucht zu werden", sagt die Ehrenamtliche. Und nicht nur die Kinder brauchen die externe Hilfe, laut Schulleitung könnte ohne die Helfer die Bibliothek nicht immer geöffnet sein oder keine Arbeitsgemeinschaft wie Werken oder Fußball angeboten werden.

Das Ehrenamt hat eine bedeutende Rolle in unserer Gesellschaft. Und die demografische Entwicklung spielt dieser in die Hände. Denn wer in Rente geht, der hat auf einmal viel mehr Zeit. Immer mehr Menschen spenden diese Zeit, indem sie ein Ehrenamt ausüben. Ob als Helferin in der Ganztagsbetreuung, im Seniorenheim, Kindergarten oder Hospiz, als Trainer im Sportverein oder Unterstützer in der Flüchtlingshilfe: Für ehrenamtliches Engagement gibt es in Deutschland unzählige Einsatzmöglichkeiten. Laut Engagementbericht 2017 der Bundesregierung arbeitet ein immer höherer Prozentsatz der Menschen ehrenamtlich. Je nach Definition des Begriffes engagieren sich heute 44 Prozent der Deutschen, gut zehn Prozent mehr als vor fünfzehn Jahren.

Ein Ehrenamt bezeichnet im Allgemeinen eine freiwillige Tätigkeit ohne Lohn, die dem Gemeinwohl dient und im öffentlichen Raum stattfindet. Viele Angebote würden ohne Ehrenamt gar nicht existieren. Denn engagierte Bürger übernehmen Aufgaben, die die öffentliche Hand nicht leisten kann oder will - aus Personal- oder Geldmangel. Auch deshalb schafft die Politik zusätzliche Anreize für Freiwillige, etwa mit dem Gesetz zur Stärkung des Ehrenamts 2013: Steuerfreibeträge wurden angehoben, Anspruch auf Erstattung von Auslagen oder gesetzlicher Unfallschutz geschaffen.

Ein besonderes Ehrenamt hat auch das Hamburger Ehepaar Inge und Nils Schröder angenommen. Seit 2014 betreuen die beiden eine aus Eritrea geflüchtete Familie. Anregung dazu fanden sie sowohl in einem Deutschkurs, in dem sie zuvor aushalfen, als auch in der eigenen Biografie. "Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt zu fliehen. Und ich kenne das Gefühl, nicht zu wissen, wo man hingehört", erzählt Nils Schröder. Die Schröders möchten nicht wegsehen, sondern die Menschen unterstützen, die wie ihre Patenfamilie 2015 nach Deutschland flohen. Nils Schröder sieht neben seinem persönlichen Wunsch helfen zu wollen auch eine Verantwortung dazu. "Der Begriff der Integration ist für mich daneben, denn da ist zu viel "müssen" impliziert. Inklusion trifft es sehr viel besser, denn wir Deutschen müssen auch die Voraussetzungen für ein gutes Zusammenleben schaffen", sagt er. Manchmal ist das gar nicht so leicht. "Auch wir lernen eine Menge dazu", so Schröder weiter, "man muss sehr behutsam miteinander umgehen, vor allem, wenn die Familie wie in unserem Fall muslimisch ist." So mussten auch die Schröders umdenken, als etwa im Sommer das Planschbecken für die Kinder aufgebaut wurde und die Familie so anders reagierte, als man es von den eigenen Enkelkindern gewohnt war. "Unsere freie Lebensweise ist nicht selbstverständlich", sagt Nils Schröder. Mit seinem Paten ist es aber ein Kontakt auf Augenhöhe: Zwischen Christ und Muslim, einem Mann Anfang achtzig und einem Mann Anfang dreißig. "Er hört auf mich, weil ich älter bin", schmunzelt Schröder.

Für den ehemaligen Pastor spielt auch der religiöse Dialog mit seinem Paten eine große Rolle. "Ich war theologisch immer sehr offen", sagt er. Neben gemeinsamen Freizeitaktivitäten bemühen sich die Schröders heute um eine langfristige Aufenthaltsgenehmigung für die Familie, sie helfen bei Behörden- und Arztbesuchen und beraten bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Und wenn sie nicht weiterkommen, wenden sie sich an das Team des Trägers der Patenschaft, den Hamburger Verein "Hamburger mit Herz". Im Verein haben die Schröders auch viele Kontakte zu Mitstreitern im Stadtteil bekommen. Doch bei allem Engagement achten die Schröders auch auf sich. "Wir sorgen dafür, dass wir nicht seelisch und geistig verkümmern. Aber wir haben drei Enkelkinder, und die Familie geht immer vor", sagt Nils Schröder "außerdem werden wir auch nicht jünger und wissen, dass wir Maß halten müssen." In seiner Zeit als Pastor war Nils Schröder vielerorts engagiert, in der Friedensarbeit, Dritte-Welt-Arbeit oder der Obdachlosenhilfe aktiv. Trotzdem: Die Patenschaft ist etwas Besonderes. "Ich erinnere mich bei meinen eigenen Fluchtgeschichten an alle Menschen, die mir damals geholfen haben. Die waren wie Inseln im reißenden Strom", so Nils Schröder. Laut einer Allensbach-Umfrage handeln die freiwilligen Helfer vor allem aus Freude am Geben. 82 Prozent der befragten Ehrenamtlichen erwähnen auch das Gefühl, gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles zu tun. Dabei bringt ein Ehrenamt nicht nur Senioren neue Impulse. Auch Arbeitssuchende profitieren etwa vom freiwilligen Engagement. Neue Kenntnisse und Kontakte erhöhen die Chance auf einen Job und können dem Leben Sinn und neue Impulse geben.

WO MAN EIN EHRENAMT FINDET

Aktion Mensch: www.aktion-mensch.de/was-du-tun-kannst
Stiftung Gute Tat: www.gute-tat.de
Better Place: www.betterplace.org/de/discover-volunteering
Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen: www.bagfa.de/freiwillige

DAS EHRENAMT – WISSENSCHAFTLICH BETRACHTET

Dr. Bettina Hollstein ist Wirtschaftsethikerin und Ökonomin und arbeitet am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt. Sie forscht und publiziert zum Thema Ehrenamt.

Gibt es den typischen "Ehrenamtler"?

Aus quantitativen Studien ergibt sich der 'typische Ehrenamtler' als männlich, mittleren Alters, gut gebildet, religiös, berufstätig, mit überdurchschnittlichem Einkommen, hat Kinder, keinen Migrationshintergrund, lebt eher auf dem Land als in der Stadt und kann seine Zeit relativ zuverlässig einteilen. Diese Durchschnittsbildung verdeckt allerdings, dass sich gerade im Ehrenamt ausgesprochen vielfältige Facetten von Engagement realisieren und dass die Unterschiede zwischen den Engagementbereichen sehr groß sind. Die Dominanz der männlichen Ehrenamtlichen ergibt sich aus der großen Anzahl von Sportvereinen, im sozialen Ehrenamt sind dagegen Frauen stärker vertreten usw.

Aus welchen Gründen engagieren sich Menschen ehrenamtlich?

Die Gründe sind sehr vielfältig. Ich würde zwischen drei Komplexen von Gründen unterscheiden:

1) Wertbezogene Gründe (d. h. man will bestimmte Ideale oder auch religiös oder säkular begründete Vorstellungen vom guten Leben realisieren, z. B. etwas für das Gemeinwohl tun, für Menschenrechte, für den Umweltschutz usw.)

2) Nutzenbezogene Gründe (d. h. man erwartet auch einen Vorteil für sich selbst vom Engagement, z. B. den Erwerb bestimmter Kompetenzen, ein Zertifikat, Kontakte in einem Bereich, in dem man sich gerne beruflich orientieren will usw.)

3) Gemeinschaftsbezogene Gründe oder aber Gründe, die sich aus dem Eigenwert der Tätigkeit ergeben (Spaß an dem Engagement – der am häufigsten genannte Grund –, mit anderen Menschen zusammenkommen, Anerkennung erfahren für sein Tun usw.)

Welche Rolle spielt das Ehrenamt für die Gesellschaft?

Ehrenamt spielt eine große Rolle. Einmal werden durch ehrenamtliches Engagement Dienste bereitgestellt, die zwar nicht unabdingbar für das Funktionieren einer Gesellschaft sind, aber das Zusammenleben und den Zusammenhalt einer Gesellschaft verbessern (z. B. sind Fußballvereine nicht notwendig, damit eine Gesellschaft funktioniert, aber wenn dort Kinder und Jugendliche Teamgeist, Einhalten von Regeln, Zusammenspielen und körperliche Ertüchtigung erfahren, dann ist das für die Gesellschaft wertvoll.) Andererseits wird durch das Engagement in glaubhafter Weise verdeutlicht, in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollen. Im Engagement vergewissern wir uns unserer Vorstellungen von einem guten Leben und von einer guten Gesellschaft (z. B. von einer Gesellschaft, die es wichtig findet, dass Kinder unterschiedlicher sozialen Schichten gemeinsam Fußball spielen, die sich für Umweltschutz engagiert oder Flüchtlinge willkommen heißt), und zeigen dies auch öffentlich. Dadurch kann Engagement auch von anderen gewürdigt werden – oder aber auch kritisiert. Diese Debatten sind wichtig, damit wir uns als Gesellschaft darüber verständigen, in welcher Weise wir miteinander leben wollen, welche Ideale uns wichtig sind.

Wie entwickelte sich das Ehrenamt in den vergangenen Jahrzehnten, und wo wird es hingehen?

Das Ehrenamt selbst hat sich gar nicht so stark verändert, wie häufig behauptet wird. Es gibt bestimmte Tendenzen zu mehr projektförmigem, kurzfristigem Engagement, was überwiegend auch durch die Zwänge des Arbeitsmarktes, der höhere zeitliche und räumliche Flexibilität fordert, bedingt wird. Was sich geändert hat, ist der politische Diskurs zum Engagement. Hier hat es eine starke Wendung zur Förderung des Engagements durch eine Engagementpolitik geben, die über alle Parteien hinweg Zustimmung findet. Das Ehrenamt stellt aber immer auch einen Spiegel der Gesellschaft dar, es wird daher in Zukunft noch pluraler und bunter sein und aufgrund der Engagementpolitik auch möglicherweise stärker durch staatliche und private (wirtschaftliche) Akteure unterstützt werden.

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