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TRAUERKULTUR

Foto: pixabay.com/TerriC | Copyright-Lizenz: CC0 Creative Commons


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Kunstwerke der besonderen Art: Handbemalte Urnen sind ebenso vergänglich wie das Leben. Und ermöglichen einen individuellen Abschied.

Von Nina Ernst

Wenn Britta Ernst morgens ihr Atelier betritt, die Farben bereitlegt und ihren Pinsel zur Hand nimmt, wird sie andächtig. Sie will etwas in ihre Arbeit hineinlegen, das über den perfekten Pinselstrich hinausgeht. "Ich möchte etwas geben, und zwar bei jeder einzelnen Arbeit", so die gelernte Glasmalerin. Mit einer Art Meditation vergleicht sie den Zustand, in den sie sich beim Malen versetzt. Diese ganz besondere Art der Konzentration, in der etwas Feierliches mitschwingt. Für die 55-Jährige hat das etwas mit Respekt zu tun. Respekt vor dem Tod und dem Leben. Britta Ernst ist Urnenmalerin.

Ob Efeuranke, Herbstbaum oder Porträt: Seit drei Jahren malt die Münsteranerin für einen Urnenhersteller aus Berneustadt auf diese ganz besonderen Leinwände. Dass ihre Arbeit ebenso vergänglich ist wie das Leben, findet sie nur konsequent. Die speziellen Urnen auf Holzbasis zersetzen sich samt dem Baumwoll-Ablassband in der Erde besonders schnell und sind damit auch für Beisetzungen in einem Bestattungswald geeignet.

Den natürlichen Look mitsamt dem sichtbaren Pinselduktus, den die Acrylfarben auf den Urnen hinterlassen, mag die Malerin besonders. Aber auch Aquarelleffekte wie bei ihrem jüngsten Entwurf "Federn im Wind" sind möglich. "Manchmal sind Menschen zu betroffen, um in ihrer Trauer ein individuelles Motiv in Auftrag zu geben und sich über dessen Gestaltung Gedanken zu machen", so Ernst. Dass diese Trauernden über die Wahl eines Motivs aus dem Katalog dennoch die Möglichkeit haben, ein handbemaltes Unikat zu bekommen, findet die Künstlerin tröstlich: "Auch wenn ich ein Motiv schon mehrfach gemalt habe, ist doch das Ergebnis jedes Mal einzigartig." Ihr Anspruch: "Ich möchte den Menschen bei ihrer Trauer helfen, indem ich eine schöne Arbeit abliefere. Und somit einen kleinen Baustein zu der Trauerfeier beitrage." Selbst wenn sie den Menschen, für den die Urne bestimmt ist, nie kennengelernt hat.

Mitunter erhält sie ganz besondere Anfragen. Von Hinterbliebenen,oder ein Mosaik aus einer Vielzahl an Interessen in einem prall gefüllten Leben: Immer geht es bei diesen Arbeiten um Gefühle. Nicht nur die der Trauernden. Ebenso um die Hingabe des Verstorbenen, mit der er sich den Aspekten seines Lebens gewidmet hat. Eben diese Hingabe will Ernst auch jeden Tag in ihre Arbeit legen, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden: "Das ist für mich unabdingbar, wenn ich zum letzten Geleit eines Menschen beitrage. Andernfalls wäre dieser Job für mich nicht infrage gekommen."

Denn ein Job wie jeder andere ist die Urnenmalerei keinesfalls, das steht für Britta Ernst fest. "Das Thema Tod berührt mich als Teil des Lebens", sagt die zweifache Mutter. So stimmt sie ihr Beruf oft nachdenklich, allerdings auf eine positive Weise. Mit der Endlichkeit des Lebens wurde die studierte Grafikdesignern schon zuvor im direkten Umfeld mehrfach konfrontiert. Doch die Urnenmalerei und die tägliche Beschäftigung mit der Vergänglichkeit aus diesem besonderen Blickwinkel waren es, die schlussendlich ihre Einstellung zum Leben geändert haben. Wenn Ernst mit all den Lebensgeschichten arbeitet, den gelebten Leben wie den Hinterbliebenen mit der nötigen Ehrfurcht begegnen will, fragt sie sich, was wirklich zählt. Was ihr persönlich wichtig ist im Leben. Zufriedener wollte sie sein und fragte sich ganz konkret, wie sie das erreichen kann. Sie fasste den Entschluss, nicht mehr blind durch den Alltag zu hetzen, sondern dieses kostbare Leben jeden Tag bewusst zu genießen. Wenn sie von dieser Entscheidung erzählt, wirkt das nicht wie eine Phrase, sondern tiefste Überzeugung.

Diese Einstellung samt der dadurch erlangten steten Achtsamkeit im Alltag hilft der Urnenmalerin auch bei ihrer Arbeit. Dabei, sich jedem einzelnen Auftrag mit dem nötigen Respekt zu widmen und sich voll und ganz auf die aktuelle Urne einzulassen – egal, welchen Trubel der Tag noch so bereithalten mag. Inzwischen hat sie eine Routine entwickelt, die ihr die Arbeit leichter von der Hand gehen lässt. Trotzdem soll am Abend der letzte Pinselstrich noch genauso schön sein wie der erste am Morgen.

Als sie von dem Jobangebot las, bei dem explizit Glasmaler wegen ihrer speziellen Arbeitstechnik gesucht wurden, war Britta Ernst sofort neugierig. Dass sie mit ihrem neuen Beruf auch ihre Berufung findet, konnte sie nicht ahnen: "Diese Arbeit erfüllt mich. Ich möchte damit alt werden. Unbedingt." Informationen über die handbemalten Natururnen: www.natururne.de die sich mit einer individuellen Urne verabschieden wollen. Manchmal sind es Porträts, die sie mit Hilfe von Fotos umsetzt, oft sind es Informationen über den Verstorben, anhand derer sie ein Motiv entwirft. Solche Biographien können ganz unterschiedlich aussehen – je nachdem, was für den Verstorbenen im Zentrum seines Lebens stand. Ob eine zentrale Leidenschaft



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