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ZEIT & GEIST

DURCHSTARTEN IM ALTER - STUDIUM FÜR SENIOREN Foto: pixabay.com/Foundry | Copyright-Lizenz: CC0 Creative Commons


ÄLTERE SEMESTER

Familie und Beruf, und was kommt dann? Wie wäre es mit einem kompletten Neustart in Form eines Studiums? Ein Seniorenstudium offeriert neue Perspektiven und schafft jede Menge Selbstbewusstsein.

Von Nina Ernst

Ausgebrannt und leer fühlte sich Angelika Kiy. Da stand sie nun in einer Stadt, in der sie außer ihrem Mann niemanden kannte. Zeit zum Knüpfen von Kontakten hatte sie in den Jahren nach dem Umzug nicht. Schließlich hat sie die häusliche Pflege ihrer Mutter rund um die Uhr auf Trab gehalten. Zeitlich wie emotional. Als dann auch noch ihre Schwiegermutter zum Pflegefall wurde, war auch das letzte bisschen Kraft aufgebraucht. "Ich habe es niemals bereut, meiner Mutter während ihrer letzten Jahre so intensiv zur Seite zur Seite gestanden zu haben", so Angelika Kiy. "Aber danach ging es mir psychisch nicht gut. Ich war sozial komplett abgekapselt. Es war katastrophal." Wie sollte es also weitergehen? Ihre beiden Kinder waren längst aus dem Haus und in andere Städte gezogen. Dass die gelernte Plakatmalerin und Schauwerbegestalterin mit über 50 noch einmal Anschluss an ihren alten Beruf bekommt, konnte sie sich kaum vorstellen. Durch Zufall hörte sie schließlich von einem Projekt, das ihr Leben verändern sollte: dem Seniorenstudium.

Das "Weiterbildende Studium für Seniorinnen und Senioren" an der TU Dortmund richtet sich explizit an Menschen ab dem 50. Lebensjahr. Perfekt für Angelika Kiy, die etwas mit ihrer neu gewonnen Freizeit anfangen und ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen wollte: "Ich wollte etwas für mich ganz persönlich tun. Und da habe ich gesagt: Ich will zur Uni." Das wollte sie schon früher, doch dann kam ihr das Leben dazwischen und plötzlich war sie in Beruf und Familie eingebunden und der Wunsch nach dem Studium in weite Ferne gerückt. Und genau an diese Menschen richtet sich das Angebot, das 1980 erstmals in Form eines Modellversuchs erprobt und nach fünf Jahren schließlich als Regelstudiengang angeboten wurde. "Menschen, die in der Zeit nach der Berufs- oder Familienphase eine bewusste Lebensplanung für das Alter beabsichtigen", wie es auf der offiziellen Webseite heißt. Im Sinne der Chancengleichheit wird kein Abitur vorausgesetzt. Dieser Schulabschluss ist in der Generation der Zielgruppe schließlich - insbesondere bei Frauen – weitaus weniger verbreitet als heute.

Ob Abitur oder nicht: Die Voraussetzungen für ein Studium im Alter sind je nach Universität ebenso individuell wie Lehrplan und Ablauf (siehe Seite 9). Beliebt ist zum Beispiel das Modell, sich als Gasthörer immatrikulieren zu lassen. So war etwa im Jahr 2015 mehr als die Hälfte aller Gasthörer über 60 Jahre alt. Das Mindestalter für spezielle Seniorenangebote liegt je nach Uni in der Regel bei 50 oder 55 Jahren.

Die TU Dortmund hat sich für ein integratives Studium entschieden, bei dem Alt und Jung Seite an Seite im Hörsaal sitzen. Ein Modell, von dem beide Seiten profitieren. Während diejenigen, deren Schulzeit Jahrzehnte zurückliegt, von den Jungen noch einmal das Lernen lernen und sich von ihrer Energie anstecken lassen, profitieren die wiederum von der Lebenserfahrung und der Disziplin ihrer Mitstudenten.

Das Projekt will Begegnungen und somit die Identitätsentfaltung fördern. Neue Netzwerke sollen entstehen, um der Isolation im Alter entgegenzuwirken und die Möglichkeit bieten, sich auf eine neue Art für die Gesellschaft zu öffnen. Diese sogar mitzugestalten. Denn offizielles Studienziel ist es, die älteren Semester fit zu machen für ein Ehrenamt. Für eine Perspektive nach Familie und Beruf. Davon profitieren nicht allein die Studierenden. Auch die alternde Gesellschaft, deren Anforderungen die junge Generation immer weniger tragen kann, gewinnt immens durch die zusätzlichen Kräfte, die sich für die Gemeinde und karitative Zwecke engagieren. Dabei müssen es auch nicht zwingend Angehörige derselben Altersgruppe sein, für die die Senioren sich einsetzen. Gebraucht wird eine Stärkung der lokalen Kultur des Helfens, in allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Dass Angelika Kiy mit 57 ein wenig alt für ein Erstsemester sein könnte, kam ihr nie in den Sinn. "Es hat einfach Freude gemacht. Allein schon morgens die Schultasche zu packen, war ein großer Spaß", so die zweifache Mutter. "Recherchieren fand ich toll, Dingen auf den Grund zu gehen. Und zwar ganz akribisch. Auch das gelegentliche Schwänzen hat richtig Spaß gemacht, es war wie früher in der Schule."

Berührungsängste mit jüngeren Studenten oder Scheu vor dem allgemeinen "Du" empfand sie dabei nie: "Wir wurden so toll empfangen, dass sich selbst die Skeptischen schnell damit arrangiert haben." Im Gegenteil: Viele junge Studenten gehen bewusst auf ihre älteren Kommilitonen zu, sind neugierig, finden es spannend, Beweggründe und Lebensgeschichten zu erfahren.

Auch die Dozenten empfinden die Seniorenstudenten in der Regel als große Bereicherung. Wissen diese doch das Bildungsangebot noch viel mehr als etwas Besonderes zu schätzen als die, die frisch von der Schulbank in den Hörsaal kommen. Sie entscheiden sich oft viel bewusster für den Gang zur Universität. Nicht aus Zwängen und Erwartungen heraus, sondern um sich etwas Gutes zu tun. Um geistig rege zu bleiben und nach Jahren des Alltagstrotts und womöglich festgefahrenen Rollen einen neuen Blickwinkel und eine ebensolche Perspektive zu erhalten.

Fünf Semester lang besuchen die Dortmunder Seniorenstudenten insgesamt 25 Lehrveranstaltungen. Das erste Semester legt dabei den Fokus auf die Orientierung an der Hochschule. Studienschwerpunkt sind Erziehungswissenschaften, Soziologie, Psychologie, Philosophie und Theologie. Dabei wird eine aktive Mitarbeit von den Studierenden verlangt. Wer lieber passiv in ein sehr breites Fächerspektrum hineinschnuppern möchte, für den ist wahrscheinlich eine Gasthörerschaft besser geeignet. Neben der Abschlussarbeit ist für die Spätstudenten auch ein Praktikum mit entsprechendem Praktikumsbericht Pflicht.

Das leistete Angelika Kiy bei den Grünen in Marl ab und bleibt damit wohl noch auf längere Zeit die älteste Praktikantin des Stadtverbands. Große Parteien waren der überzeugten Pazifistin immer suspekt, doch den Enthusiasmus auf Kommunalebene fand sie sofort ansteckend. In neue Bereiche schnuppern, Kontakte knüpfen, sich vernetzen – das findet Kiy auch nach ihrem Studium noch bereichernd: "Einige Freundschaften von der Uni bestehen bis heute. Wir waren total integriert, sind mit allen zusammen demonstrieren gegangen und haben lauthals bei den Parolen mitgerufen. Wir hatten sehr viel Spaß."

Das Erlebnis Studium mit all seinen Facetten hat Kiy "nach vorne gebracht". Insbesondere in Sachen Selbstbewusstsein. Schließlich wird es im Alter irgendwann schwierig, mit seiner Persönlichkeit als Individuum in der Gesellschaft sichtbar zu bleiben. Mit der Erfahrung, statt auf das Abstellgleis noch einmal zur Uni gegangen zu sein, lässt einen ganz anders in die Welt hinaus gehen. Viele Absolventen berichten, dass sie sich wieder lebendig fühlen. Das am Ende erlangte Zertifikat ist dabei weniger wichtig als das Gefühl, etwas zu sagen zu haben. Und dabei auch gehört zu werden.

Ob es im Alter schwieriger ist, akribisch zu lernen? Diese lange Zeit vorherrschende Annahme wird inzwischen durch neue Studien widerlegt. Während das Modell der Intelligenzentwicklung nach Horn und Catell zwar feststellt, dass Eigenschaften wie Wendigkeit, Kombinationsgabe und Orientierung zwar altersabhängig sind, was für gesunde Menschen aber wenig beeinträchtigend ist, ist klassisches Wissen aus Erfahrung, Wortschatz und Gelerntem altersunabhängig. Mit zunehmendem Alter sind maximal geringfügige Verluste zu beobachten. Grund zur falschen Scheu vor dem Besuch einer Hochschule besteht also nicht. Lernfähigkeit besteht bis ins hohe Alter. Bis zum 80. Lebensjahr verfügt der Mensch in der Regel sogar über eine erhebliche ungenutzte Intelligenzreserve. Viel ausschlaggebender als die Jahreszahl auf dem Ausweis sind für die Lernleistung der Gesundheitszustand, die Zahl der Reize der Umwelt und regelmäßiges Üben und Lernen. Das stellt auch Kiy fest: Seit dem Studium kann sie sich viel besser fokussieren und konzentrieren. Ihre größte persönliche Errungenschaft war neben dem Einsaugen der Atmosphäre auf dem Campus aber, zu lernen, alles hinterfragen zu dürfen. Ohne falsche Ehrfurcht gedankliche Mauern einreißen zu können.

Schon während der Abschlussarbeit, einer Filmdokumentation über das Seniorenstudium, war ihr klar, dass das Studium etwas wachgerüttelt hat: Sie wollte mehr. Also schrieb sie sich für ein spezielles Frauenstudium ein. Heute arbeitet Kiy hauptberuflich in der Jugendhilfe und betreut traumatisierte Mädchen und junge Frauen in einer Schutz- und Pflegestelle. Diese besondere Gelassenheit, wie sie insbesondere Menschen in der zweiten Lebenshälfte eigen ist, die bereits vieles gesehen und erlebt haben, kommt bei den Teenagern gut an. Wenn die jungen Mädchen zwischenzeitlich Panik bekommen, was aus ihnen werden soll und wie sie den Schulabschluss bloß schaffen sollen, beruhigt Kiy sie mit einem Augenzwinkern: "Macht dir keinen Stress. Ich habe mit über 60 noch einen Abschluss gemacht."


STUDIEREN IM ALTER

Uni statt Abstellgleis: Ein Studium im Alter eröffnet plötzlich völlig neue Perspektiven. Neben dem gelernten Fachwissen erweitert es allgemein den Horizont und offeriert den Studenten nicht selten bislang komplett unbekannte Facetten des Lebens. Es ermöglicht neue Kontakte, schafft Selbstbewusstsein und neue Chancen im Leben. Insgesamt studieren bundesweit rund 55.000 Menschen, die das Studierenden-Durchschnittsalter überschritten haben. Ein einheitliches Modell für Senioren mit Bildungshunger existiert aber nicht. Je nach Universität können Ablauf, Lehrplan und auch die Voraussetzungen dazu stark variieren. Fast jede deutsche Universität bietet etwa die Möglichkeit eines Gasthörerstudiums, welche auch viele ältere Semester nutzen. Elf Hochschulen bieten derzeit außerdem ein spezielles Zertifikatsstudium an. Hier ist das namensgebende Zertifikat in der Regel an das Erbringen von festgelegten Leistungen wie Hausarbeiten, Praktika oder Abschlussarbeiten gebunden. Besitzer eines Abiturs können auch noch in hohem Alter ein Bachelor- oder Masterstudium starten. Doch auch hier gelten teilweise für Studenten ab 50 bestimmte Vorgaben, die Sie sich vorab erfragen sollten. Informieren Sie sich am besten an einer nahegelegenen Hochschule über die Möglichkeiten für Senioren vor Ort. Vorteil: Dort können Sie vor dem Beratungsgespräch bereits ein wenig der Campusluft schnuppern, die Sie erwartet. Weitere Informationen für Hochschulbesucher ab 50 finden Sie beim Akademischen Verein der Senioren in Deutschland: www.avds.de


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