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TRAUERKULTUR

Foto: pixabay.com/AnnRos | Copyright-Lizenz: CC0 Creative Commons


FANKULTUR BIS IN DEN TOD

Auf speziellen Fan-Grabfeldern können HSV- oder Schalke-Fans ihre Vereinstreue über den Tod hinaus beweisen.

Von Julia Kaiser

Sport bedeutet Leben, Jugendlichkeit, Beweglichkeit und Gesundheit. Auch die Zuschauer*innen von Sportwettkämpfen werden zumeist von einer Leidenschaft, Dynamik und Euphorie erfasst, so dass ein Gedanke an die eigene Sterblichkeit sicherlich das Letzte sein wird, was einen in diesem Moment ereilt. So schreibt der Theologe und Sporthistoriker Markwart Herzog: "Auf den ersten Blick haben Tod und Sport in der Tat nichts miteinander zu tun, sind Gegensätze, die sich ausschließen." Auf den zweiten Blick finden beide Bereiche durch die Möglichkeit der Fußballfan- Bestattung dennoch zueinander.

Der erste deutsche Fußballfan-Friedhof entstand im Jahr 2008 durch den Hamburger Sport-Verein (HSV). Auf dem bestehenden Hamburger Friedhof Altona wurde dafür das einem Stadion nachempfundene Grabfeld HSV geschaffen. "Am Eingang steht ein Fußball-Tor aus Beton, die Grabstellen sind traversenartig in Halbkreisen angelegt", heißt es in einem Flyer des Vereins. Die Kunden können demnach zwischen drei verschiedenen Ruhestätten wählen. Zur Verfügung stehen die bezeichnenden Kategorien Einzelspieler, Doppelpass und Team.

Drei Jahre später zog der Fußballverein Schalke 04 nach. In unmittelbarer Nähe zur Gelsenkirchener Veltins- Arena befindet sich seitdem das sogenannte Fan-Feld, ebenfalls ein Friedhof in Stadion-Optik. Jeder Fan, "der dort seine letzte Ruhe finden möchte, [könne somit] auch nach dem Tod seine Liebe zu Königsblau dokumentieren", verkündet der Verein auf der Webseite schalkefan- feld.de. 1904 Grabstellen stehen auf dem Fan-Feld zu Verfügung, eine Anlehnung an das Gründungsjahr des Vereins. Nur die Grabstelle mit der Nummer 09 wurde ausgelassen, schließlich wurde im Jahr 1909 der verfeindete Verein Borussia Dortmund gegründet. "Geht gar nicht, so die Schalker. [...] Wer will denn da schon liegen?", hieß es dazu in einem TV-Bericht.

Während das Interesse in Hamburg nach Auskunft des HSV Supporters Club ausgesprochen gering sei, werde der Schalke-Friedhof, wie unter anderem die taz berichtete, dagegen sehr gut angenommen. Die Reservierungen für künftige Grabstätten lägen im dreistelligen Bereich. Begründet wird diese konträre Annahme dieses bislang in Deutschland sehr speziellen Friedhofstyps in der unterschiedlichen Bewerbung und Vereinspositionierung. Der HSV habe nach dem ersten großen Medienecho auf eine Bekanntmachung und Bewerbung dieses Bestattungsareals verzichtet, der Verein selbst sich nie offen dazu bekannt. Dagegen erkläre Schalke 04 das Bestattungskonzept ausführlich auf der Website, es gäbe konkrete Ansprechpartner für Interessent*innen und man habe die Rückendeckung des Vereins.

Wer sich einen Platz auf einem Friedhof dieser Art sichert, offenbart ein starkes Gruppenzugehörigkeits-Gefühl. Die Bestattung in der Nähe zum Stadion, einem vertrauten Ort des Lebens, symbolisiert die Vorstellung, auf ewig ein Teil der lebenden Gemeinschaft bleiben zu wollen. Selbst der eigene Tod vermag es nicht, die zu Lebzeiten entstandene Verbundenheit zum Verein auszulöschen.

Die Fußballfan-Bestattung macht zudem deutlich, wie wichtig soziale Gruppen für die Menschen geworden sind. Die Identität als Fan, als Angehöriger einer spezifischen sozialen Gruppe, soll selbst über den eigenen Tod hinaus Bestand behalten. Der Theologe und langjährige Leiter des Sepulkralmuseums in Kassel Reiner Sörries meint dazu, dass die Gruppenidentität, die Zugehörigkeit zu einem Verein, heute oftmals einen höheren Stellenwert gegenüber der Herkunftsfamilie besäße. "So wird der Fanclub im Unterschied zur biologischen Familie zur Wahlfamilie, und das herkömmliche Familiengrab wird durch das Gemeinschaftsgrab der Wahlfamilie ersetzt", schreibt er in einem Beitrag zu alternativen Bestattungsformen. Als Begründung für eine Fußballfan-Bestattung führt Sörries zwei Aspekte an. Zum einen werden die Fußballfan-Friedhöfe ganzjährig von Friedhofsgärtnern betreut. Vor allem aufgrund der Grabpflege, die eine herkömmliche Grabstätte auf einem klassischen Friedhof mit sich zieht, entscheiden sich gegenwärtig immer mehr Menschen für alternative, pflegeleichte oder gar pflegefreie Bestattungsarten. Grabpflege wird zumeist negativ mit Arbeit, Last und Verpflichtung assoziiert, die man nach dem eigenen Tod niemandem aufbürden möchte. Der Besuch der Grabstätte soll auf Freiwilligkeit basieren.

Zum anderen bietet die Fan-Bestattung die Möglichkeit eines Bekenntnisaktes über den Tod hinaus, so Sörries weiter. Die mittlerweile bestehende Vielzahl alternativer Bestattungsarten ermöglicht es den Menschen, Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Verstorbenen zu ziehen. Man entsinne sich etwa der Wald- und Baumbestattung, der See-, Diamant- oder Weltraumbestattung oder aber den AIDS-Gemeinschaftsgrabstätten, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Viele Menschen legen gegenwärtig Wert darauf, ein sichtbares Zeichen nach dem Tod zu hinterlassen, etwas, dass das eigene Leben einst ausgemacht hat. Hieran wird vor allem deutlich, dass die allgemeinen gesellschaftlichen Individualisierungsprozesse nicht auf das diesseitige Leben beschränkt bleiben, sondern längst auch den Bereich des Todes erreicht haben.


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