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ZEIT & GEIST

Foto: pixabay.com/Hans | Copyright-Lizenz: CC0 Creative Commons


NOMEN EST OMEN

Unsere Vornamen begleiten uns unser ganzes Leben, sie suggerieren bestimmte Bilder bei anderen Menschen und lassen werdende Eltern grübeln.

Von Jane Kähler

Der Name ist der erste Eindruck, den man von einem Menschen bekommt. Dabei schließt man etwa unbewusst auf das Alter des Namensträgers. Eine Angelika und ein Jürgen werden höchstwahrscheinlich älter sein als eine Zoe oder ein Finn. Denn zu bestimmten Zeiten häufen sich manche Namen - auch Vornamen gehen mit der Mode. Fanden Kinder der 1980er-Jahre besonders viele Stefanies und Stefans, Julias und Christians in ihrer Klasse, traf man in den Schulen der heutigen Großeltern-Generation besonders oft Peter, Wolfgang, Monika oder Karin. 2020 trugen die Standesämter viele Hannas und Mias, Noahs und Bens in die Listen ein. Es gibt Tausende unterschiedlicher gebräuchlicher Vornamen, doch die Hälfte aller Kinder teilen sich heute nur etwa 120 Vornamen, die zu den Top 60 der am häufigsten vergebenen Jungenund Mädchennamen gehören.

Vornamen sind ein guter Indikator für sozialen Wandel, findet Namensforscher Jürgen Gerhardts, Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin: "Wenn man die Namensgebung seit Ende des 19. Jahrhunderts bis heute verfolgt, zeigt sich zum Beispiel, dass die Individualisierung zugenommen hat. Das heißt, die Namenswahl wird vielfältiger; es gibt immer mehr Vornamen, weil die Menschen mehr Wert darauf legen, dass ihr Kind nicht den gleichen Namen hat wie andere Kinder." Tatsächlich suchten sich 1950 noch fünf Prozent der Eltern einen Namen außerhalb der Liste der 1000 beliebtesten Namen aus, heute entscheiden sich fast 30 Prozent für etwas Außergewöhnliches. Zu individuell darf es aber auch nicht sein, wie man an der Häufung beliebter Namen sieht. "Eltern versuchen, zwei Prinzipien unter einen Hut zu bringen: einerseits in dem breiten Flussbett der akzeptierten Namen mitzuschwimmen, andererseits nicht in der Mitte des Modestroms zu schwimmen", weiß Jürgen Gerhardts. Es gilt, das richtige Maß zu treffen: Der Name soll gut zum Nachnamen passen, nicht so exotisch sein, dass das Kind darunter leiden könnte und nicht so beliebt, dass das Kind andere Kinder gleichen Namens in der Klasse hat.

Aber warum landen Namen wie Mia oder Ben in den Top 3? Eltern wählen gerne kurze Namen, die schön klingen und international funktionieren. Laut Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache ist es Eltern wichtig, dass ihre Kinder wegen ihres Vornamens voraussichtlich keine Nachteile in ihrem Leben haben. Einfache und kurze Namen funktionieren meist global, können nicht "verunstaltet" werden und sollen zu jedem Alter passen. Die Qual rund um die Namenswahl kommt nicht von ungefähr. Erwiesenermaßen hat der Vorname eines Menschen durchaus Einfluss auf dessen Lebenslauf und dessen Erfolgschancen. Bei besonders gut verdienenden Personen sind bestimmte Vornamen überrepräsentiert, beispielsweise Dirk bei den Männern und Sabine bei den Frauen. Ähnliches zeigt die viel beachtete "Kevin- Studie" aus den 2010er-Jahren, die die Notengebung von Lehrern mit bestimmten Vornamen in Bezug setzt.

Auch der Langzeitstudie der Universität Leipzig, die Wirkungsprofile zu Vornamen erstellt, sogenannte Onogramme, liegt die Erkenntnis zugrunde, dass beim Hören eines Namens nicht nur Hypothesen über das Alter, sondern auch über die Attraktivität oder Intelligenz des Namensträgers gebildet werden. Die Ergebnisse zeigen etwa, dass auffallend kurze, oft einsilbige Namen als sportlich konnotiert werden. Kurze Namen, die auf i oder y enden, werden häufig als "jung" und "frech" empfunden. Mit "intelligent" wurden oft Namen assoziiert, die griechische oder lateinische Wurzeln haben. Vokalreiche Namen mit offenen Silben gelten als wohlklingend. Bei männlichen Namen sorgen eher die dunklen Vokale o und a für Wohlklang. Entsprechend sind die Namen in der aktuellen Vornamens-Hitparade kurz, haben viele Vokale und beginnen häufig mit einem sanften "L", Mädchennamen enden gern mit "a" oder dem niedlichen "i".

Früher war die Namenswahl an Bibel-Geschichten, Herrscher oder Vorfahren gebunden. Familiäre Bezüge sind heute noch mit traditionellen Namen aus der Familie beliebt. Da passt es, dass heute Vornamen der (Ur-)Großeltern-Generation wie Theo oder Oskar, Frieda und Emma im Trend sind.

Vor allem zählt heute aber die Beurteilung eines Namens durch die Gesellschaft. Die Wahl des Vornamens ist eine Geschmacksäußerung, und wie in der Mode gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Milieu und Region. Ein auf soziale Distinktion bedachter Geschmack grenzt sich ab gegen einen populären Geschmack. Auch regional sieht man Unterschiede: Bayerische Eltern wählen gern Namen jenseits des bundesdeutschen Trends wie etwa Andreas oder Michael. Dazu kommen katholische Klassiker und Namen wie Xaver und Veronika. Dagegen sind in Norddeutschland skandinavische Namen und auch ost- und nordfriesische Namen beliebt wie Fiete, Ida und Finja. Die Namen Karl und Oskar sowie Frieda werden gern in Ostdeutschland vergeben. Generell beobachten Namensforscher eine Nord-Süd-Verschiebung, da Modenamen gern zuerst in Norddeutschland auftauchen und sich dann in Süddeutschland durchsetzen.

Kinder mit Migrationshintergrund beeinflussen die Rangliste der Vornamen kaum, da zum einen die Herkunftsländer vielfältig sind, zum anderen auch hier der Trend zur Individualität herrscht. Durch mehr arabische Familien nimmt aber etwa der Name Mohamed zu.

Trend-Namen halten sich meist zehn Jahre in den Top- Listen. Wenn die Gesellschaft genug Noahs und Hannas hat, werden diese Namen seltener. "Bei einem Namenstrend gibt es immer einen langsamen Anstieg, bis die Spitze erreicht ist, dann nimmt die Namensvergabe wieder ab", erklärt Namensforscherin Simone Berchtold Schiestl von der Universität Zürich.

Dass die Namensgebung zum Streitfall wird, kommt gottseidank selten vor. Es gilt: Das Kindeswohl steht bei der Vergabe eines Vornamens an erster Stelle. Zum einen muss das Geschlecht des Kindes eventuell durch einen weiteren Vornamen zu erkennen sein, und der Vorname muss durch seriöse Quellen belegbar sein. Im Zweifel können die Standesämter ein Gutachten der Gesellschaft für deutsche Sprache anfordern. So wurden seit 2016 etwa ein oder eine Bethlehem, Sherlock, Libelle, Kiwi, Sheriff oder Thymian erfolgreich beurkundet. Für Lucifer, Pinocchio, Batman oder Popcorn gab es dagegen kein grünes Licht.

Immerhin scheinen Eltern nicht immer alles falsch zu machen. Wir haben zwar keinen Einfluss darauf, wie wir heißen, aber laut einer Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache sind drei von vier Befragten mit ihrem Vornamen zufrieden.


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