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TRAUERKULTUR

Foto: Aeternitas


SO BUNT WIE DAS LEBEN - STERBEN IN VIELFALT

Wie unterschiedlich Wünsche und Bedürfnisse von Trauernden und Sterbenden sein können, vermittelt ein Seminar.

Von Dirk R. Schuchardt

Unsere Leben und unsere Gesellschaft sind bunt: Menschen, die schon immer hier gewohnt haben oder aus allen Teilen der Welt zu uns gekommen sind, Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Menschen mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen und sexuellen Orientierungen. Wir alle raufen uns zusammen, um gemeinsam das bisschen Leben zu genießen, das uns allen vergönnt ist. Meist gelingt dies gut. Manchmal bleiben wir uns fremd. Und im Sterben? Was wissen wir eigentlich über das Thema Sterben aus anderen Kulturkreisen und Communities?

Wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir nichts hierüber oder sind im besten Sinne genauso vorurteilsbehaftet wie im restlichen Leben. So werden beispielsweise nicht alle Menschen, die aus der Türkei nach Deutschland immigriert sind, "automatisch" in der Türkei beerdigt. Doch wie können wir unsere Wissenslücken über uns unbekannte Sterbe- und Bestattungsformen schließen? Die Hamburgerin Anna Cardinal hat mit ihrem Seminar "Ruhe in Vielfalt - Trauer. Tod. Diversity" ein einzigartiges Angebot geschaffen, über das sie uns im Interview berichtet:

An wen wendet sich Ihr Seminarangebot?
Von meinem Seminar profitieren alle, insbesondere aber die, die beruflich mit Sterbenden und Trauernden zu tun haben und dabei auf Menschen abseits der vermeintlichen "Norm" treffen. Beispielsweise also Ärzt*innen, Pflegepersonal, Bestatter*innen, Trauerredner*innen oder Mitarbeiter*innen auf Friedhöfen.

Welchen Erkenntnisgewinn haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Ihres Seminars?
Meine Teilnehmer*innen erfahren, wie vielfältig der Umgang mit Sterbenden und Trauernden, die diskriminiert werden, sein kann. Dadurch, dass sie auch die Perspektive von anderen Menschen vermittelt bekommen, wächst das Verständnis für Menschen in unserer vielfältigen Gesellschaft.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Seminar mit diesem Schwerpunkt zu entwickeln?
Meine Mutter Claudia Cardinal hat in Hamburg die "Sterbeammen*Sterbegefährten-Akademie" gegründet. Nach meiner Ausbildung zur Diversity-Trainerin lag es nahe, diese beiden Themen miteinander zu verknüpfen. So konnte ich beispielsweise darauf hinwirken, dass im Ausbildungsprogramm der Aspekt der Diversität stärker als bisher berücksichtigt wurde.

Wo wird die Vielfalt in der Bestattungskultur in Deutschland sichtbar?
Wenn beispielsweise eine Jüdin und ein Christ verheiratet sind und dieses Ehepaar den Wunsch äußert, gemeinsam bestattet zu werden, so ergeben sich hieraus religiöse Probleme. Ein Christ dürfte nicht auf einem jüdischen Friedhof beerdigt werden. Auf dem Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf hat man eine Lösung gefunden: So gibt es auf der Grenze zwischen dem jüdischen und dem nicht-jüdischen Teil einen Bereich, in welchem sich Ehepaare, die unterschiedlichen Glaubens sind, bestatten lassen können. Dies ist durchaus bemerkenswert, da häufig Grabfelder für Menschen jüdischen Glaubens durch eine Hecke oder Mauer vom restlichen Friedhof separiert sind.

Welche Vorurteile begegnen Ihnen, wenn Sie rund um das Thema Sterben, Tod und Trauer auf Menschen treffen, die von Diskriminierungen betroffen sind?
Oft herrscht die irrige Annahme vor, dass beispielsweise Lesben und Schwule eine besonders laute und bunte Beisetzungsfeier wünschen. Das ist aber gar nicht der Fall. Es wäre falsch, einen Menschen nur auf seine sexuelle Orientierung hin zu reduzieren. Menschen, die sich in ihrer sexuellen Orientierung von der Masse abheben, haben oft den Eindruck, dass unter Ärztinnen*Ärzten eine gewisse "Sensationslust" herrscht, wenn sie beispielsweise auf Transgender Patienten*innen treffen. Ähnliches gilt auch für Menschen mit Migrationsgeschichte, denen ein "Morbus Mediterranus" (= "Mittelmeersyndrom") unterstellt wird, also eine kulturell bedingte Übertreibung eines an sich harmlosen Krankheitsbildes, sofern es überhaupt eines gibt. Gerade der falsch unterstellte "Morbus Mediterranus" kann hier zu einer nicht ausreichenden medizinischen Versorgung führen.

Neue Zielgruppen erschließen

Anna Cardinals Seminare erleichtern nicht nur das Verständnis für Menschen mit Merkmalen "abseits der Norm" am Lebensende, sondern kann nüchtern betrachtet auch helfen, Unternehmen, die im Umfeld des Bestattungsgewerbes arbeiten, neue Zielgruppen für sich zu finden. Denn oft werden beispielsweise von Hinterbliebenen mit Migrationsgeschichte bevorzugt Bestatter gebucht, die denselben Migrationshintergrund haben. Auch weltliche Trauerredner, die nativ Fremdsprachen sprechen und somit einen besonderen Zugang zur Mentalität der Verstorbenen haben, sind ebenso rar gesät wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund in Bestattungsinstituten.

Anna Cardinal wurde 1981 in Hamburg geboren. Die ausgebildete Diversity-Trainerin bietet über ihre Website www.initial-c.de verschiedene (Online-)Seminare zum Thema Vielfalt an.

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